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Allgäu-Tour im Dethleffs Trend

Der Reise-Journalist Torsten Berning sucht auf seinen Reisen nach Wohnmobil-Highlights rund um den Globus. Diesmal besucht er im Herbst die Heimat von Dethleffs, erkundet traditionelle Handwerksbetriebe und den berühmten Allgäuer Viehscheid.

Wenn der Sommer geht und der Herbst kommt, kommt die Zeit einer der kulturellen Höhepunkte im Allgäu, dem „Viehscheid“. Vielen wird der Begriff Almabtrieb geläufiger sein. Die ausgesprochene Einladung, dieses Ereignis hautnah auf einer Alpe mitzuerleben, nehmen wir gerne wahr. Ziel ist das Lochbachtal zwischen Obermaiselstein und Oberstdorf im südlichsten Zipfel Deutschlands. Unser Gastgeber ist die Familie Wucherer, die jedes Jahr von Mai bis Ende September der Zivilisation den Rücken kehrt. Mit Ihren Töchtern Lisa und Lucia leben sie in der Abgeschiedenheit der Berge ohne Strom und mit Wasser aus der eigenen Quelle. Sie versorgen 90 Rinder. Fünf Kühe geben die Milch für den leckeren Käse, den der Älpler Bertl Wucherer während der Saison nach alten Rezepten herstellt. Diese Köstlichkeit können die vorbeikommenden Wanderer dann zur Vesperpause genießen. Doch dazu später mehr.

Das beeindruckende Panorama der Allgäuer Alpen wird uns Flachlandtiroler die ganze Woche über begleiten. Das Wort Heimat hat für die Allgäuer eine ganz besondere Bedeutung: Allerorts trifft Tradition auf Moderne. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, alten Handwerksmeistern über die Schulter zu schauen. Nicht zu vergessen ist natürlich die Allgäuer Küche mit ihren Spezialitäten wie Kässpatzen, Krustenbraten oder der Weißwurst.

Erste Station am zweiten Reisetag ist die Obere Mühle in Bad Hindelang. Vorher fahren wir noch die 9 Serpentinen der B308 Richtung Oberjoch und genießen den wunderschönen Blick in das Hindelanger Tal. Dann parken wir am Kleinod Obere Mühle. Irgendwie fühlt man sich wie in einer Zeitmaschine. Ein kleines Museum (freier Eintritt) versetzt uns mit seinen Exponaten und Raumausschnitten in das vergangene Jahrhundert.

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Dazu hat man die Möglichkeit, im Antiquitätenstadel besondere Fundstücke zu erwerben. Komplettiert wird das Ensemble durch das urige Gasthaus, welches weit über die Grenze des Tals bekannt ist. Hier kommen nur regionale Zutaten mit besonderem Pfiff auf den Teller (Hauptgerichte ab 13 Euro/Dreigänge- Menü ab 35 Euro), Reservierung empfohlen.

Im Anbau erwartet uns Klaus Bensmann in seiner Hirschleder- Manufaktur. Bereits seit 30 Jahren bearbeitet er feinste Leder. Das Gerben hat er aufgrund des hohen Zeitaufwandes inzwischen an einen befreundeten Betrieb weitergegeben. Alles weitere von der Auswahl des Leders, über den Zuschnitt bis zum Nähen entsteht hier vor Ort in Handarbeit. Bensmann fertigt Bekleidung fast ausschließlich nach Maß und individuellem Kundenwunsch an und jetzt vor dem Viehscheid kommen auch Reparaturen dazu. Kurzum, die Tische sind voll und der Arbeitstag kann bis in die Nacht dauern. Eine weitere Spezialität seines Könnens ist das Anfertigen von Trommelbezügen. Selbstverständlich kann man Artikel wie Gürtel direkt vor Ort kaufen. Auf den ausgestellten Bildern sieht man, mit welcher Leidenschaft er in seiner Werkstatt neue Stücke erwachsen lässt. Als Übernachtungstipp gilt für alle Reisenden das nur 500 Meter entfernte Hotel Restaurant Wiesengrund. Ob Zimmer und Apartments oder einen Reisemobil Stellplatz, hier findet man alles. Die Küche ist abwechslungsreich und bei schönem Wetter lädt der Biergarten mit Blick auf die umliegenden Berge ein.

Handwerk in den Hörnerdörfern

Am nächsten Tag sind es nur 30 Kilometer bis zu den Hörnerdörfern. Diese setzen sich zusammen aus den Orten Fischen, Bolsterlang, Obermaiselstein, Balderschwang und Ofterschwang. Hier gibt es viel zu sehen und zu entdecken. Beginnen wollen wir in der 300 Jahre alten Kupferschmiede von Obermaiselstein. Schon von draußen hört man das sonore Klopfen des Hammers. Wenn sich die schwere Tür geöffnet hat, steigt metallener Duft in die Nase. In der Ecke: das Schmiedefeuer. Wände und Decken sind rußgeschwärzt. Ambosse, die Richtplatte und Setzstöcke sind zu sehen – diese Werkstatt hat ihre Authentizität nicht verloren. Als die Ruhe in den Raum zurück findet, blicken wir in zwei glitzernde Augen.

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Ein Lächeln und ein „Grüß Gott“, so begrüßt uns Johannes Rimmel, einer der letzten Kupferkesselschmiede Deutschlands. Käsekessel von circa 100 bis 600 Liter Fassungsvermögen sind seine Spezialität. Die blanke Blechbahn wird bei über 1.000 °C ausgeglüht und mit Hammerschlägen verdichtet. Der Treibhammer bringt es in die runde Form, es wird geschweißt, wieder gehämmert, der Stahlrand eingebracht und der Rand gebördelt. Bis zu 150 Stunden kann das dauern und über 100 Jahre kann so ein Käsekessel seinen Dienst auf der Alpe versehen. Nicht gerade gut für das Geschäft. Deshalb macht er jetzt auch kleine Fondue- oder Kässpatzengefäße, dazu noch Wetterfahnen mit Hähnen oder Hexen.

Große Waschbecken für Hotelbäder hat er schon gefertigt, erzählt er uns, während er sich zwischendurch ein Prise Schnupftabak genehmigt.

„Das putzt richtig durch, wenn man hier stundenlang im Staub steht“, grinst er. Kunstvolle Halsketten und Ohrringe aus altem Silberbesteck gehören ebenso in sein Repertoire wie filigranste Feinarbeit an einer Enzianblüte aus Kupfer. Ein wahrer Künstler ist er geworden, in den 25 Jahren, die er an diesem Ort schon verbracht hat.

In Bolsterlang treten wir ein in die Werkstatt von Herbert Vogler. Hier entstehen Schellen, Glocken und Kuhgürtel. Ja, es sind Schellen und nicht Kuhglocken, die durch das ganze Allgäu klingen. Bei Tag und bei Nacht ist dieses Geräusch eigentlich gar nicht wegzudenken, auch wenn man es sich bei einer Übernachtung auf einer Alpe schon mal wünschen könnte. In alter Tradition des Sattlerhandwerks fertigt er dazu die teilweise künstlerisch anmutenden Kuhgürtel. Für den Viehscheid werden sie sogar handbestickt.

Letzte Station vor der Auffahrt ins Lochbachtal ist für uns der Schuh Keller in Bolsterlang-Kierwang. Hier kann man die praktischen und überall im Allgäu getragenen Holzschuhe käuflich erwerben, und zwar nur hier. In der dritten Generation fertigen die Brüder Marco und Alexander die mit echtem Kuhfell-Leder verarbeiteten Holzschuhe, Clogs und Hausschuhe. Außerdem schwören die Einheimischen auf die maßgefertigte Trachtenschuhe, die hier entstehen. Selbstverständlich lassen sich solche hochwertigen Einzelstücke auch immer reparieren.

Interessantes haben wir heute gesehen und viel Wissenswertes erfahren. Aber vor allem haben wir dabei wieder nette Menschen getroffen, die ihren Beruf lieben und stolz auf das sind, was sie mit ihrer Hände Arbeit schaffen. Den Abend verbringen wir mit unserem rollenden Hotel auf einem speziellen Stellplatz für Reisemobile, der sich nahezu in der Ortsmitte von Obermaiselstein befindet.

Auf zum Viehscheid

Die Kühe mit ihren Schellen sind am nächsten Morgen doch sehr verwundert, als wir mit unserem Gefährt an Ihnen vorbeirollen. Drei Alpen haben wir jetzt schon passiert und nach der nächsten Kuppe erkennen wir sie schon von weitem, die Dinjörgen Alpe.

Um 11 Uhr herrscht bereits reges Treiben, denn Bertl ist mit seinen Helfern mitten in den Vorbereitungen für den morgigen Höhepunkt der Saison, den Abschied der Tiere von der Alpe. Für eine freudige Begrüßung von Michaela, Lisa, Lucia und Bertl reicht die Zeit dann doch, auch wenn noch einige Wanderer versorgt werden müssen. Die Jungrinder (durchschnittlich zwei Jahre alt und haben noch nicht gekalbt) werden jetzt in kleineren Gruppen bis zur Alpe getrieben. Dort werden ihnen die Alltags-Schellen (keine Glocken) abgenommen und die ganz besonderen Schmuck-Schellen für den Viehscheid angelegt, die zum Teil so riesig sind, dass sie beim Fressen bis auf den Boden hängen. Einige Rinder erhalten auch schon kleinen Blumenschmuck. Da der Stall viel zu klein ist für alle Tiere, werden sie anschließend wieder auf die nahe gelegenen Wiesen rund um die Alpe gebracht. So vergeht mit diesem bunten Treiben der ganze Nachmittag, und erst um 17 Uhr kehrt etwas Ruhe ein.

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Das Kranzrind, welches mit dem Älpler vorweg die Herde anführt, wird allerdings erst am Morgen des Viehscheids vor Erreichen des Tales geschmückt. Dies ist nämlich das Zeichen für eine Saison ohne Unfälle. Doch halt, jetzt müssen ja noch Resi, Moni, Klara, Gerti und Tessa versorgt werden, die den ganzen Sommer die Milch für Bertls Käse produziert haben. Und das haben sie reichlich, braucht man doch zehn Liter Milch für ein Kilogramm frischen Alpkäse. Den Umgang mit den fünf kann man schon fast als liebevoll bezeichnen. Für die Pumpen der Melkapparatur kommt nun der Stromgenerator zum Einsatz.

Derweil spielt Michaela an dem mit Holz befeuerten Herd auf dem Akkordeon. Den ganzen Sommer über hat die erst siebenjährige Lucia fleißig mit dem Papa geübt und das Ergebnis ist mehr als unterhaltsam. So vergeht die Zeit wie im Fluge und bei klarem Sternenhimmel (ohne Geläut, vielleicht schlafen die Tiere auch mal) lauschen wir der Ruhe in dieser für uns ungewohnten Einsamkeit. Ab sechs Uhr sind alle geschäftig, immerhin sind es fast zwei Stunden Marsch bis zur Straße im Tal, die es heißt, mit den Rindern zurückzulegen. Bevor sich die anderen Alpen vor uns in Bewegung setzen, ziehen wir es vor, die Gruppen am Parkplatz vor Obermaiselstein in Empfang zu nehmen.

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Schon von weitem hören wir die erste Herde von der unteren Gundalpe. Viele Menschen haben sich zu dieser frühen Stunde schon am Hirschsprung auf dem Weg in den Ort eingefunden, um das Spektakel haut- und ohrennah zu erleben. Auf diese Art und Weise werden die Tiere (insgesamt etwa 1.200 Stück) aus den umliegenden Tälern alle zum Scheidplatz geführt. Hier hat auch der Ausdruck Viehscheid seinen Ursprung. Dort werden die Rinder aussortiert und getrennt. Die Bauern nehmen ihre Tiere nach dem langen Sommer wieder in Empfang und bringen sie für den Winter in die Ställe auf ihren Höfen.

Der Ort füllt sich und den ganzen Tag herrscht gute Laune. Besonders Fans von ausgelassener Festzeltstimmung kommen hier voll auf Ihre Kosten. Selbstverständlich fehlt auch die zünftige Musik nicht. Unserem treuen Begleiter Henry wollen wir das dann doch nicht zumuten und entschließen uns zur Weiterfahrt Richtung Isny.

Hier steht auch die Wiege des Caravans, denn in Isny wurde vor 88 Jahren das Wohnauto erfunden. Arist Dethleffs war ein typischer „Mächeler“, so nennt man im Allgäu die Tüftler mit Herz und Verstand. Jeden Donnerstag kann man bei einer Werksführung mitmachen und Dethleffs in die Karten schauen. Die neuesten Fahrzeuge kann man im Ausstellungszentrum in der Rauchstraße besichtigen.

Zum Abschluss wartet auf uns am nächsten Tag eine Wanderung durch das Naturschauspiel Eistobel. Die Schlucht entstand vor 15.000 Jahren. Besonders interessant sind seine Wasserfälle und die bis zu fünf Meter tiefen Strudellöcher. Der gut vier Kilometer lange Pfad lässt sich von allen Alters- und Konditionsklassen gut bewältigen. Schöne Plätze mit Bänken laden zum Verweilen ein und für Kinder gibt es viel zu entdecken, so dass man sich gut einen halben Tag aufhalten kann. Möglich ist der Rückweg über Riedholz mit Einkehr im Gasthaus Adler, wobei besonders die hausgemachten Kuchen und Torten zu empfehlen sind. So geht auch die schönste Herbstwoche vorbei und es ist langsam Zeit für die Rückreise.

Ein Bericht von Torsten Berning

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