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Mit dem Reisemobil durch Neuseeland

Ein Stück Heimat am anderen Ende der Welt

Neuseeland gilt als Traumland für Wohnmobilfahrer. Lesen Sie hier einen Reisebericht von Michael Lennartz, der sich diesen Traum erfüllt hat.

Christchurch: Der Startpunkt für den Traum-Urlaub in Neuseeland ist eher etwas karg. Irgendwo im Nirgendwo, nur rund fünf Kilometer vom internationalen Flughafen entfernt, übernehmen wir in einem Gewerbegebiet am Rande von Christchurch unsere mobile Heimat für die nächsten fünf Wochen. Das Gelände des zur Hymer-Gruppe zählenden Reisemobil-Vermieters McRent ist noch ein Provisorium. Der Untergrund, auf dem die Mietfahrzeuge des Allgäuer Traditionsherstellers Dethleffs stehen, ist staubig, und das Büro von Oliver Maurer, der uns den Schlüssel für einen rund 7,40 Meter langen, teilintegrierten Trend T 7057 EB überreicht, ist noch in einem Container untergebracht. Aber alles ist bestens vorbereitet.

Die wärmenden Sonnenstrahlen des neuseeländischen Sommers lassen den deutschen Winter schnell vergessen und schüren die Vorfreude auf die bevorstehenden fast 5.000 Kilometer über beide Inseln bis hinauf in die Hauptstadt Auckland ganz im Norden. Von Christchurch nach Auckland oder umgekehrt. So sind viele hier unterwegs. Vier Wochen, sechs Wochen, oft noch länger. Speziell jene Zeitgenossen, die sich den Trip rund um den Globus für den dritten Lebensabschnitt aufgehoben haben. Das Reisemobil ist da ein beliebter Begleiter.
Zumal freies Campen in Neuseeland – von entsprechend beschilderten Ausnahmen abgesehen - erlaubt ist, sofern es sich um einen ausgewiesenen „self-contained“ Camper mit eigener Toilette handelt. Ein Kriterium, das unser Dethleffs Trend in der Family-Standard-Klasse natürlich erfüllt. Hinter dem noch größeren Alkoven-Modell rangiert er in der zweithöchsten Preisklasse, in der für einen Fünf-Wochen-Zeitraum, halb Hoch- und halb Nebensaison, umgerechnet stolze 8.500 Euro Miete anfallen. Mit unbegrenzten Freikilometern zwar, aber am Ende fällt in Neuseeland noch die Dieselabgabe RUC (road user charge) von 7 NZ-Cent pro Kilometer an, die sich bei rund 5.000 Kilometern auf 350 NZ-Dollar oder etwa 220 Euro summiert.

Nach zwei langen Flügen mit fast 24 Stunden reiner Flugzeit, wegen des Jetlags bei 12 Stunden Zeitunterschied und der Umstellung auf den ungewohnten Linksverkehr empfiehlt es sich, am ersten Tag nicht gleich größere Distanzen in Angriff zu nehmen. Bleiben wir also erst mal in Christchurch, einer Stadt, die so viel Leid erfahren hat. Gerade erst ist sie mit dem fremdenfeindlichen Anschlag auf zwei Moscheen in den Mittelpunkt gerückt, hat aber auch heute noch unter den Folgen des schweren Erdbebens von 2011 zu leiden.
Das Straßenbild ist geprägt von den krassen Kontrasten der verfallenen Gebäude einerseits und den stylischen Neubauten wie dem modernen Shopping-Komplex in der Stadtmitte andererseits. Die völlig zerstörte Kathedrale ist immer noch eine Großbaustelle. Hämmern und Bohren ist der Sound der mit 350.000 Einwohnern größten Stadt auf der Südinsel, die sich auch von Katastrophen nicht unterkriegen lässt.

Für viele repräsentiert der Inselstaat am anderen Ende der Welt ja die heile Welt schlechthin. Naturparadies und Traum-Reiseland, das zwar nicht erst seit der Verfilmung des Tolkien-Epos Herr der Ringe Sehnsüchte weckt, mit der Filmkulisse von „Mittelerde“ aber einen regelrechten Tourismus-Boom ausgelöst hat. Gestern die schottischen Highlands, heute Norwegens Fjorde, morgen Gletscher wie in den Alpen und übermorgen tropischer Regenwald – was selbst den Jetsetter logistisch vor große Probleme stellen würde, lässt sich auf der Südinsel mit ihrer begeisternden Vielfalt an unterschiedlichsten Berg- und Landschaftspanoramen mit einem Wohnmobil mühelos in kürzester Zeit erkunden - wenn nicht jeder einzelne Punkt zum längeren Verweilen einladen würde.
So verwöhnt schon die Fahrt zum Lake Tekapo das Auge mit einer Pracht in erdfarbenen Tönen, an denen man sich kaum satt sehen kann. Sanft geschwungene Hügel in kuscheligem Sandgelb, saftige grüne Wiesen und Wälder, Felsformationen von rostrot über schokoladenbraun bis basaltgrau, ein türkisblauer See und schneeweiße Bergkuppen, je näher man sich dem Mount Cook, Neuseelands höchstem Berg, nähert. Hier ist eindeutig der Weg das Ziel.

Und es geht Schlag auf Schlag weiter. Tag für Tag. Die einzigartigen Kugelfelsen am Strand von Moeraki, die blauen Zwergpinguine in Oamaru, das Städtchen Dunedin mit schottischem Flair und der Baldwin Street, der mit rund 35 Prozent Steigung laut Guinness-Buch der Rekorde steilsten Straße der Welt, sowie die Otago-Halbinsel, auf der Albatrosse, Pelzrobben, Seelöwen und die nur in Neuseeland lebenden Gelbaugen-Pinguine zu bestaunen sind, stehen noch an der Ostküste auf dem Reiseprogramm. Im Fjordland laden der Milford Sound und der Doubtful Sound zu Schiffstouren ein, bei denen man unweigerlich Vergleiche mit Norwegen zieht. Bestens ausgeschilderte, zum Teil mehrtägige Wanderwege locken die Trekking-Fans an.
Das Wetter kann den Reiseplanungen freilich so manchen Strich durch die Rechnung machen. Wenn etwa tiefhängende Wolken den Fox- und den Franz-Josef-Gletscher einhüllen, erübrigen sich Abstecher und erst recht Rundflüge dorthin. Am tiefdunklen Lake Matheson, der wie ein Spiegel wirkt und fantastische Fotomotive offeriert, sollte man dennoch nicht vorbeifahren. Wer Sandstrände liebt, findet gewiss am Abel-Tasman-Nationalpark Gefallen, und Kaikoura ist, zurück an der Ostküste, ein Muss für alle, die Pottwale und Delphine sehen wollen.

Doch keine Angst, auch Abenteurer und Adrenalin-Junkies kommen in Neuseeland auf ihre Kosten. Hier gilt vor allem Queenstown als Tummelplatz. Rafting, Jetboot-Touren, Tandem-Fallschirmsprünge und vieles mehr ist im Angebot. Und wer sich an einem Gummiseil kopfunter in die Tiefe stürzen möchte, kann dies an einem historischen Ort von einer Flussbrücke nahe dem schmucken Städtchen Arrowtown tun. Dort haben die „Kiwis“, wie die Neuseeländer sich selbst nennen, das Bungee-Springen erfunden.
An Hotspots wie Queenstown, Te Anau oder am Milford kann eine Übernachtung auf dem Campground auch schon mal an die 70 NZ-Dollar (ca. 42 Euro) für ein Wohnmobil mit zwei Personen und Strom (Powered Site) kosten. Ansonsten bewegen sich die Preise in der Hochsaison zwischen 40 und 50 Dollar (etwa 25 bis 30 Euro). Wegen der zahlreichen Rucksack-Urlauber sind die Campingplätze mit Küche, Waschräumen und picobello sauberen Duschen und Toiletten zwar bestens ausgestattet, die Parzellen für die Reisemobile aber oft sehr eng bemessen.

Das gilt auch für die Nordinsel, für die wir aber nur noch wenig Zeit haben. Auch bei fünf Wochen Urlaub stößt die Reiseplanung an Grenzen. So outen wir uns in den Weta-Studios zwischen Orks und Gollum als Herr-der-Ringe-Fans, inspizieren bei Upper Hutt weiter nördlich den Filmset der Elbenheimat Rivendell, wandeln in Hobbiton bei Matamata in den Spuren der Hobbits und lassen uns im Tongariro-Nationalpark von den Ausblicken auf Mittelerde und den Schicksalsberg Mount Doom einfangen, der in Wirklichkeit Mount Ngauruhoe heißt. Das geothermische Gebiet um Rotorua mit dem Puhutu-Geysir und den farbenprächtigen heißen Quellen von Wai-O-Tapu ist zweifellos ein Highlight. Hier kann man sich im Tamaki-Village auch intensiver mit den Traditionen der Maori-Ureinwohner befassen. Die Coromandel-Halbinsel wiederum hält feine Sandstrände und die schönsten Übernachtungsplätze für Reisemobile parat.

Insgesamt ist die Reisemobil-Szene stark europäisch geprägt. Vorrangig Dethleffs, aber auch Bürstner, Carado, Sunlight, Hymercar und neuerdings auch Hobby verkörpern den starken deutschen Auftritt vornämlich der Hymer-Group auf dem Inselstaat im Pazific. Allerdings sind überall auch die einheimischen Wettbewerber präsent. Etwa die Campervans der Marken Maui, die nur auf dem Mercedes Sprinter aufbaut, und Britz. Beide gehören zum neuseeländischen Tourismus-Konzerns THL. Sie werden etwas günstiger angeboten, Mieter klagten aber mehrfach über die Verarbeitung in den Wohnräumen. Am auffälligsten sind die in Grün-Lila (!) lackierten Jucy-Hochdachcamper auf Toyota-Basis und mit Graffitis besprühten, bunten Escape-Campingbusse, jeder für sich ein Unikat.

Michael Lennartz